„Wir fahren nach Albanien.“ Ein erschreckt gequiektes „ALBAAANIEN?!?“ begleitet von einem Gesichtsausdruck, der an unserem Verstand zweifeln ließ, war meist die Reaktion auf unsere Urlaubsplanung. Was will man in Albanien, einem Land, das lange im Kommunismus verschlossen war und das man leider oft nur mit korrupten und kriminellen Machenschaften in Verbindung bringt? Ein wenig Abenteuerlust spielte schon mit, in Europa ein wohlmöglich unentdecktes Urlaubskleinod zu finden und sich das Land anzuschauen, an dessen Grenze einem der Eintritt vor ca. 35 Jahren noch nicht gewährt wurde.

Stimmungsbild Albanien

Das Abenteuer beginnt

Eine 9-tägige Gruppenreise mit Marco Polo bescherte uns Anfang April gut ein Kilo mehr auf die Hüften und 1000 Eindrücke mehr in Kopf und Herz. Albanien ist ein vergleichsweise junger Staat,  der sich erst 1912 vom Osmanischen Reich losgelöst hat. Nach dem 2. Weltkrieg wurde Albanien unter der kommunistischen Ein-Parteienregierung von Enver Hoxha zur Volksrepublik und war mehr als 4 Jahrzehnte nahezu isoliert und wurde erst in 1992 zu einem demokratischen Land. Danach kamen weitere turbulente Zeiten mit dem Kosovo-Krieg und seinen Flüchtlingsströmen, sodass sich das Land noch gar nicht so lange dem Tourismus zugewandt hat. Byzantiner, Griechen, Osmanen und nicht zuletzt der Kommunismus haben in dem Land ihre Spuren hinterlassen. In Ausgrabungsstätten, auf Festungen, in Kirchen und Moscheen konnten wir uns dank des inbrünstigen Sendungsbewusstseins unseres Reiseleiters Sabri einen umfassenden Eindruck der bewegten Geschichte verschaffen.

Naja, touristisch unentdeckt ist Albanien an den Küsten des ionischen und adriatischen Meers nicht wirklich. An ihrem Umgang mit der Müllentsorgung gibt es auch einiges zu verbessern.  An die Strände, mit teils herrlichen türkisen und blauen Farben des Wassers, wurde oft leider schon zu viel, zu hoch und zu zerstückelt gebaut. Weiter im Süden wird es dann beschaulicher. Ksamil , unweit von Saranda gegenüber von Korfu gelegen ist wohl der schönste Badeort in Albanien mit einigen niedlich gelegenen Tavernen mit gutem Fisch und Meeresfrüchten.

Ksamil Meditation

Traditionell und modern

In einigen Orten wurden breite Promenaden geschaffen wie in Vlora oder Berat, da der Albaner gerne flaniert. In Vlora gibt es Bänke mit Solarpanels am Ufer, die mit freiem WLAN und einem USB-Anschluss zum Aufladen der Smartphones zur freien Nutzung ausgestattet sind. „Lippenstiftpolitik“ wurde es schmunzelnd auch genannt, dass jetzt einige Städtebauprojekte vorangetrieben werden, bald sind schließlich Wahlen… Das Leben geht auch in den meisten Städten gemächlich seinen Gang. Die Männer sitzen bei einem Kaffee stundenlang zum Reden, Spielen und um den Flanierenden zuzuschauen, zusammen. Die Frauen sind nicht dabei, sie sind dann doch sehr traditionell mit Haushalt und Einkauf beschäftigt. Obwohl das Land vornehmlich moslemisch ist, haben wir keine Frauen mit Kopftüchern gesehen. Es scheint ein friedliches Miteinander der Religionen zu sein. Im Kommunismus war Religionsausübung gänzlich untersagt. O-Ton vom Reiseleiter, der zu einem Lacher im Bus geführt hat: „ Selbst auf dem Friedhof leben Moslems mit Christen friedlich beieinander“.

Bergwelt in Albaniens Hinterland

Für jeden Geschmack etwas dabei

Im Hinterland zeigt sich Albanien dann von seiner ursprünglichen, schönen Seite mit hohen Bergzügen, saftigen Ebenen, Flüssen und Quellen. Ein wahrlich magischer Ort ist der Bergsee  Syri I Kalter, mit seiner Quelle „Das Blaue Auge“. Wunderbar eingerahmt durch Frühlingsblumen und die Ruhe der Vorsaison war das für viele Mitreisende das Highlight. Ein anderes Highlight war das Essen und die Gastfreundschaft, die wir erleben durften. Das machte sich nicht nur an der Menge der Rakis aufs Haus fest. Man spürte einfach, dass man wirklich willkommen war. Hier exemplarisch genannt der Wirt vom Restaurant Lazaro direkt an der Festung von Berat. Mit Begeisterung zeigte er mir bei meinem Pinkelstopp vor der Festungsbesichtigung seine Küche und was er an Suppe, Köfte, gefüllten Auberginen, Börek, Zichorien und Salat in Vorbereitung hat. Ein Dauerregen hat uns dann die Festung – Festung sein lassen und wir verlebten eine herrliche Mittagspause bei selbstgebranntem Raki und diversen Köstlichkeiten. Lecker diese Hausmannkost mit mediterraner Prägung, auch wenn gegrillter Lammkopf vielleicht nicht jedermanns Geschmack ist…

„Blaues Auge“

gegrillter Lammkopf

Fazit: Albanien ist ein Land im Auf- und Umbruch, in dem es aktuell auch viele Demos gibt, in die man als Reisender nicht unbedingt geraten möchte. Das Aufbegehren des Volks geht aber in die richtige Richtung. Es geht gegen Korruption und Verwicklung der Regierung in kriminelle Geschäfte und es geht um die Chance des Einzelnen auf ein besseres Leben. Ein Leben, das mit fair bezahlten, ehrlichen Jobs finanzierbar werden soll. Albanien bietet sehr schöne Landschaften und klares Wasser. Man findet unzählige Spuren der Geschichte in verschiedenen Ausgrabungsstätten und Festungen und vor allem freundliche Gastgeber, die stolz auf ihr Land sind.

Albanien ist definitiv eine Reise wert!